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Atmen vertieft

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Gestern hatte ich eine non-verbale Einsicht. Was ist das? Eine Einsicht, die nicht durch das Denken kommt und die sich eigentlich auch nicht in Worte fassen lässt. Da dieser Blog auch so etwas wie mein Tagebuch ist, schreibe ich trotzdem darüber.

Vor zwölf Jahren war ich das erste Mal bei einem Zen-Sesshin (mehrtägige Sitzmeditation, schweigend). Da musste man den Atem beobachten. Ganz easy. In der Theorie. In der Praxis leider nicht. Erstens schweift der Geist ständig ab und spätestens nach 2 Stunden war mir klar, warum die Buddhisten den Verstand oft als Affengeist bezeichnen. Zweitens, und das fand‘ ich noch schwieriger, soll man den Atem beobachten und NICHT gewollt ruhig atmen. Es war total verhext. Wenn ich nicht bei meinem Atem war, dann muss er wohl schön von alleine geflossen sein, denn ich bin nicht erstickt. Sobald ich aber meine Aufmerksamkeit darauf richtete, fing ich an ihn zu kontrollieren. Bei meinem Sitznachbarn konnte ich das Gleiche feststellen. Zwar atmeten sie schön gleichmässig und tief, sobald sie mit der Meditation anfingen, aber der Atem floss ganz OFFENSICHTLICH nicht natürlich, sondern gewollt tief und langsam.*

Mittlerweile gelingt mir das. Mein Atem fließt schön von alleine, auch wenn ich ihn beobachte. Jetzt kommt der springende Punkt: Wo ist eigentlich der Unterschied, zwischen ‚mein Atem fließt von alleine‘ und ‚ich lasse meinen Atem langsam fließen‘? Wer ist dieser Akteur, der den Atem fließen läßt? Einmal mein Körper und im anderen Fall mein Geist? Wer ist dieses Ich, dass das angeblich macht? Lasse ich meine grauen Zellen meinen Geist denken, so wie ich meinen Atem ruhig fließen lasse? So wie ich mein Herz schlagen lasse? So wie ich meine Haare wachsen lasse? Diese Erkenntnis läßt sich mit Sprache nicht ausdrücken, weil unsere Sprache es nicht zulässt. Wir sagen „es blitzt“ und „es regnet“. Wer ist dieses ‚es‘, dass regnet oder blitzt? Der Blitz blitzt. Wirklich? Der Blitz IST das blitzen. Es gibt nichts ausserhalb der Erscheinung.** Ich bin das schlagen meines Herzens, das wachsen meiner Haare, das fliessen meines Atems, das denken meiner Gedanken. Es gibt kein es und kein ich ausserhalb.***

Ich wünsche Dir heute viel Spass beim Philosophieren. Wenn Dir danach ist. Oder auch nicht 😉

Liebe & Licht
Martin

* Diese Übung ist übrigens eine der besten Anti-Stress-Übungen, weil es sowohl den Körper beruhigt, als auch den Geist, insbesondere die Willenskraft, stärkt.

** „Erscheinung und Essenz fügen sich nahtlos ineinander.“ heisst es im Sandokai.

*** Wenn man einmal anfängt in diese Richtung zu denken, kann man gar nicht mehr aufhören. Wieso sagen wir eigentlich, dass es die Luft ist, die geatmet wird und dass es der Atmende ist, der die Luft atmet? Aus naturwissenschaftlicher Sicht: Hättest Du ein Mikroskop, dass so stark wäre, dass es Luftmoleküle sichtbar machen könnte, Du würdest sehen, dass die Luftmoleküle von ganz alleine in Dich hinein fliegen. Da gibt es keine Kraft in Dir, die an ihnen zieht. Rein physikalisch-technisch betrachtet, ist es die Luft, die dich atmet und Du das, was geatmet wird. Krass, oder?

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