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Erst schießen, dann fragen

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Erst schießen, dann fragen. Scheint zumindest das Motto bei Amazon zu sein.

In meinem Buch ‚Jenseits der Nützlichkeit‘ befand sich im Kapitel ‚Zahlen und Zen‘ in den bisherigen Ausgaben nichts. In der Print-Ausgabe befand sich dort eine leere Seite.

Ich hatte mir als Autor die Freiheit genommen, das quasi als Zitat auf ein berühmtes Koan zu sehen. Ein Koan kommt aus dem Zen- Buddhismus und ist eine Art Rätsel. Allerdings ist es kein Rätsel im westlich-logischen Sinne, sondern eher ein Rätsel, welches ein tieferes Verständnis unseres Seins in dem auslösen soll, der sich damit befasst.

Dieses Koan, welches ich meine, ist wohl das bekannteste Koan überhaupt. Es steht sogar als Beispiel bei Wikipedia zur Erläuterung des Begriffs „Koan“. Es geht wie folgt: Ein Mönch fragte den großen Meister Joshu: „Hat ein Hund Buddha-Natur?“ Joshu antwortete „Mu!“ „Mu“ ist ein Wort das sich wohl nur schwierig übersetzen lässt, es bedeutet „Nichts“ oder „Nichts dergleichen“ oder kann hier auch als „irrelevant“ interpretiert werden. Für mich bedeutet dieses Koan, dass schon die Frage falsch gestellt ist. Der Mönch ist sozusagen falsch zum Ball gelaufen. Nach der buddhistischen Lehre hat alles im Universum Buddha-Natur, weil sich das göttliche Wesen in einem jeden Ding ausdrückt. Aber was ist Buddha-Natur? Alles und Nichts.

Ich wollte mit der leeren Seite dieses „Mu“ als Antwort auf die Frage „Haben Zahlen Buddha-Natur?“ ausdrücken und natürlich war mir klar, dass dies für den Leser ohne Erläuterung nicht nachvollziehbar ist. Aber es haben mich viele Menschen darauf angesprochen, und das gab mir die Gelegenheit, meine Gedanken und Ansichten dazu kund zu tun. Glaube ist nämlich etwas, das ich nicht leichtfertig kommentieren wollte in einem Buch über Zahlen.

Man mag meine Idee blöd finden, aber immerhin ist es meine Idee. Ich bin der Autor dieses Buchs und dachte, es befände sich im Rahmen meiner schriftstellerischen Freiheit, diese Idee so umzusetzen. Und ich dachte, dass wäre in einem Staat, der die freie Meinungsäußerung im Grundgesetz verankert hat, mein gutes Recht.

Aber gestern hat Amazon mein Buch ohne Rückfrage aus dem Angebot genommen. Wegen der leeren Seite! Das traf mich hart, insbesondere da ich mich durch das KDP Select Programm exklusiv an Amazon gebunden habe. Außerdem hat Amazon durch seine Marktmacht quasi Monopolstatus bei den direkt publizierenden Autoren. Daher bedeutet diese Maßnahme für mich eine Art Zensur.

Zuerst war ich darüber zutiefst schockiert. Dann musste ich laut lachen. Mit großer Sicherheit hat sich niemand bei Amazon Gedanken über meine Idee gemacht. Das Buch hat laut Amazon Qualitätsmängel, und im Prinzip finde ich es ja gut, dass sie ihre Kunden vor schlechter Qualität schützen wollen. Meine Idee wurde wohl ein Kollateralschadensopfer des modernen Direkt-Publikations-Prozesses. Ich habe die Hoffnung, dass sich Amazon für dieses Problem noch eine bessere Lösung einfallen lässt. Zum Beispiel, indem man erst den Autor fragt und dann das Buch sperrt. Aber vielleicht liegt es ja am amerikanischen Naturell erst zu schießen und dann zu fragen?

Ein etwas fahler Beigeschmack bleibt dennoch. Ich darf meine Idee nicht umsetzen oder mir alternativ eine andere Publikationsplattform suchen. Der Leser, muss sich nun an dieser Stelle eine leere Seite vorstellen.

Ja, ja, so ist das in herrlichen Zeiten 😉

Ich wünsche Dir heute einen tollen, entspannten Sonntag.

Liebe & Licht
Martin

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