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Kepler und Gallilei

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Gestern war ein Tag, der mich verwirrt hat. Am liebsten würde ich ein paar Tage still sitzen und meditieren, um die verwirrende Frage in meinem Kopf zu reflektieren.
Sie lautet: „Wieso ist das Universum offensichtlich ungerecht und gemein.“

Uff – das klingt extrem negativ, aber wer mich kennt, weiß, dass ich das nicht wirklich negativ gemeint haben kann.

Dabei ist mir gestern nichts außergewöhnliches passiert. Ich stand zwar viermal im Stau, aber das Wetter war schön und ich hörte mir interessiert die Baghavad Gita an. (allerdings musste ich jedesmal, sobald ich in einen Stau kam, aufs Klo, was dieses das-ist-gemein-Gefühl sehr verstärkte). In der Baghavad Gita gerät der Held der Geschichte (Arjuna) in eine der gemeinsten Situationen, die man sich vorstellen kann: er hat die Wahl zwischen a) die Freunde und Familie im Stich zu lassen und b) seine ihm lieben Lehrer, Vettern und Onkel zu töten. Scheinbar eine loose-loose-Situation. Aber auch wenn die Geschichte eindrücklich erzählt wird und wir große Weisheiten von Arjunas Lehrer Krishna erfahren, bleibt die Geschichte doch etwas abstrakt und ging mir nicht so ans Herz. Ausserdem ist es meiner Sicht nicht wirklich gemein, denn wenn sich jemand zu einem großen Krieger ausbilden lässt, wie kann er es dann als Gemeinheit empfinden, wenn er plötzlich auf dem Schlachtfeld steht?

Ganz anders ging es mir am Abend mit der Geschichte des Johannes Kepler. Kepler war Zeitgenosse Gallileis und stand diesem in punkto Genialität in keiner Weise nach, auch wenn die beiden äusserst unterschiedliche Charaktere hatten. Die Arbeiten von Johannes Kepler sind von großer Bedeutung für die Astronomie und die gesamte Wissenschaftsgeschichte. Dank seines Scharfsinns war er seinen Mitmenschen (und oft auch Gallilei) weit voraus. Diese Eigenschaft gepaart mit Ungeduld und Impulsivität machten ihn wohl nicht zu einem einfachen Mitmenschen. Gallileo dagegen war ein Pragmatiker und wusste seine gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Chancen stets in Vordergrund zu stellen und zu nutzen. Ein paar Beispiele: Gallileo erfand zwar weder das Teleskop, noch konnte er erklären, wie es funktioniert (die Erklärung kam später von Kepler). Auch machte er mehrfach nicht als Erster die Beobachtungen, die ihn berühmt machten. Was ihn aber auszeichnete: er war sehr akribisch und da er die große Bedeutung seiner Beobachtungen kannte, publizierte er seine Ergebnisse umgehend und stellte sicher, dass möglichst viele einflussreiche! Menschen davon erführen. Sein Dialog, der ihm den Streit mit der Kirche einbrachte, wollte die Gezeiten erklären. Wieder ein ähnliches Schema: Gallilei vermag einen Sachverhalt anschaulich und äusserst publikumswirksam darzustellen. Allerdings irrt er. Zusätzlich bezichtigt er Kepler der Kindereien, weil jener den Mond als Verursacher der Gezeiten sieht. (Kepler lag richtig, Gallilei falsch). Natürlich gibt es auch Beispiele, bei denen Kepler daneben lag. Das ist Wissenschaftsalltag. Mal hat der eine Recht, mal der andere.

Was mich wirklich verwirrte, sind allerdings die Lebensumstände des Johannes Kepler als ich das Buch „Das Weltengeheimnis“ gestern beendete. Trotz seiner Genialität und der herausragenden Arbeiten bleibt er zeitlebens arm. Ausserdem wird ihm zu Lebzeiten der Ruhm und die Anerkennung für seine drei Planetengesetze verwehrt. Selbst für Gallilei waren diese „zu innovativ“ und er lehnte sie ab. Erst Newton wird diese Gesetze 80 Jahre später bestätigen. Sein Vater ein Despot. Neun seiner zwölf Kinder sterben früh. Seine geliebte erste Frau stirbt. Kepler wird mehrfach als Protestant vertrieben, seine Mutter wurde der Hexerei angeklagt und eingekerkert. Gallilei, den er sehr bewundert ist ihm gegenüber bisweilen ignorant und überheblich. Und als er für die Rudolfinische Tafeln, an denen er 25! Jahre gearbeitet hat, und die für über 100 Jahre das Standard-Tabellenwerk der Astronomie werden, den gerechten Lohn einfordern will, stirbt er alleine, fern der Famillie. Und doch spricht aus seinen Briefen, Demut, Dankbarkeit an Gott und Optimismus.

Wie anders war dagegen das Leben des Gallilei. Sein Vater liebevoll und fördernd. Sein Leben im Luxus und der Sonne Norditaliens. Sein Ruhm, wenn auch berechtigt, so doch bisweilen deutlich grösser, als sein Verdienst um die Wissenschaft. Und selbst als ihm das eigene Wohlbefinden wichtiger ist, als die Wahrheit, wird er zum Helden, der er niemals war. Aber ist der Gallilei in meinem Kopf wirklich der Mensch, der damals lebte? Mitnichten! Der Gallilei in meinem Kopf ist eine Kunstfigur gesponnen aus dem Mythos der Journalisten, Geschichtsschreiber und Literaten und meinem Traum vom Erfinder-Dasein.

„Wieso ist das Universum offensichtlich so gemein und ungerecht?“ Wer diese Frage stellt, muss auch die folgende stellen: „Wieso ist das Universum so voller Schönheit und Liebe?“

Ich wünsche Dir heute, dass Du, falls Du in einen Stau gerätst, nicht fragst, „Warum ist hier jetzt gerade Stau?“, sondern Dir sagst, „Wie toll, dass ich heute die Möglichkeit habe im Laufe eines Tages so weit zu reisen, wo die Menschen vor hundert Jahren noch Wochen benötigten.“

Liebe & Licht
Martin

2 Kommentare

  1. Hallo Martin,

    mir stellt sich da ebenfalls die Frage, inwieweit auch ein Klima für Innovationen im jeweiligen Land geschaffen wird? Italien doch eher weltoffen und den schönen Künsten zugeneigt? Deutschland eher immer pessimistisch und hinterfragend?

    Vielleicht auch ein Ansatz.

    Herzliche Grüße und einen innovativen Tag
    Ines 🙂

    • Liebe Ines,

      immerhin durfte Kepler das Kopernikanische Weltbild in Deutschland frei kommunizieren. Gallilei wurde dafür in Italien unter Arrest gestellt. Wo da das innovativere Klima in Italien gewesen sein soll erschliesst sich mir partout nicht.

      Da scheint mir doch eher das Vorurteil von verkrusteten Deutschen und lockeren Italienern dahinter zu stecken…

      Nix für ungut ;-), Dir noch einen schönen Abend.

      Liebe Grüsse
      Martin

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