Morgenraum

deine tägliche Dosis Inspiration

Unvermeidlich

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Ich weiss nicht,ob ich es schon erwähnt habe, aber ich lese weder eine Zeitung noch sehe ich Fern oder höre Radio. Was ich wissen muss, erfahre ich auch so. 

Unvermeidlich, die Flugzeug-Tragödie der letzten Woche wahrzunehmen. Im Kiosk, an der Tankstelle, bei Facebook. Es sind nur Schlaglichter, so wie Bewegungen im Stroboskop-Licht und doch ergibt sich schnell ein Gesamtbild. Unvollständig, doch was ist schon das vollständige Bild? Wir werden es nie erfahren.

Zunächst schaltet sich mein Verstand ein. Hätte man es nicht verhindern können? Tausend technische Lösungen kommen mir in den Sinn, alle unausgereift, aber die Problemlösemaschine mag nicht akzeptieren, dass es keinen Weg gibt. Es ist auch einfach eine Lösung zu finden, welche genau diesen einen spezifischen Fall hätte verhindern können. Aber was wäre dadurch gewonnen? Der Erfindungsreichtum des Menschen ist unbegrenzt, im Guten, wie im Schlechten. 

Meine Seele benötigt länger die Information zu begreifen. Geht aber tiefer im Verstehen. Die Angehörigen, Freunde und Liebsten der Opfer verdienen unser Mitgefühl. Und sie benötigen sicher auch viel Zeit um ihren Frieden und ihre Freude wiederzufinden, was ich ihnen von ganzem Herzen wünsche. Was ist mit dem Täter? Wie tief muss der Schmerz in einem Menschen sitzen, damit er eine Tat begehen kann, die so weit von der menschlichen Natur entfernt ist? Ist es nur sein Schmerz, welchen er im Elternhaus, der Schule, im Bekanntenkreis angesammelt hat. Wahrscheinlich nicht. Oft ist diese Art von seelischem Schmerz bereits in den Eltern vorhanden und wird an die Kinder weitergegeben. In hellen Momenten kann ich meinen „geerbten“ Schmerz erkennen und auch erkennen, wie ich Schmerz an meine Kinder weitergebe. Es scheint wie ein endloser Teufelskreis, denn dieser Schmerz lässt uns Taten begehn, die wiederum den Schmerz in dieser Welt nähren und ihn verstärken. Und so sehe ich, dass nicht nur dieser Mann diese Tat begannen hat, sondern dass dies uns alle angeht. Wann haben wir unsere Hilfe versagt, wenn wir sie hatten geben können? Wann haben wir unseren Wut an einem anderen ausgelassen, obwohl er uns die Hand zur Versöhnung gereicht hat? Wann haben wir gestresst nicht wirklich zugehört, als jemand unsere ungeteilte Aufmerksamkeit gebraucht hat? Wann haben wir egoistisch unsere eigenen, rechtmässigen Bedürfnisse in den Vordergrund gestellt ohne die Bedürfnisse von anderen dagegen abzuwägen?

Can the circle be unbroken, my oh my Lord?

Ganz sicher! Daran glaube ich. Wir wurden nicht alleine gelassen und es gibt eine große Macht in uns, die alles zu heilen vermag: die Liebe. Sie lässt uns dem Menschen vergeben. Was der Verstand niemals zu akzeptieren vermag, denn vergeben heisst nicht „akzeptieren und gut heissen, was nicht gut ist“, sondern erkennen und Mitgefühl zu empfinden. Nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Menschen, die uns monströs erscheinen in  ihrer Grausamkeit, Herzenskälte und Machthunger.

Liebe und Licht

  

4 Kommentare

  1. Heilung….Was bedeutet das eigentlich?
    Ein Vortrag vor Physiotherapeuten über Neuro-Forschung definierte geistige Gesundheit als System, das flexibel schwingen kann und immer wieder in ein „natürliches Gleichgewicht“ zurückfindet – ein höchst komplexer Vorgang.
    Wann ist die Welt in und um uns also heil?
    Hier bleibt für mich der subjektive Eindruck der sinnvollste Ansatz:
    Heil bin ich, wenn ich mich so fühle. Das gilt für mich.
    Ich kann auf Andere schliessen, aber sicher wissen kann ich es nicht.
    Was bedeutet Heilung für Dich?

    • Vielen Dank für deinen Beitrag, Bernd
      Ja, unser Heil, können wir selbst fühlen. Dafür braucht es die Liebe zu uns selbst, damit es nicht auf einer oberflächlichen „ich fühl‘ mich gut“-Ebene bleibt (z.B. weil wir gerade am Strand oder in den Armen unserer Liebsten liegen). Doch ich weiss aus eigener Erfahrung, dass mich innerlich heile Menschen beeindrucken und mich anziehen. (obwohl ich mich dabei niemals auf die eigene Aussage eines Menschen über sich verlasse; kenne zu viele negative Beispiele: Menschen die schön & gut reden, aber oft Dinge tun, die anderen Leid zufügen)

      Manchmal sehe ich den Wunsch nach einer „heilen Welt“ in der sich alle nur noch lieb haben und selbst die Löwen Salat fressen. Das wäre für mich eine Welt vollkommen aus dem Gleichgewicht. Für Gott gibt es kein Gut und kein Böse. Nur das unvorstellbar komplexe Wechselspiel aller Kräfte, welches eine Welt gebiert, deren Schönheit und Einfallsreichtum mir jedes Mal den Atem verschlägt.
      Doch Vorsicht! Nicht in die geistige Ego-Falle tappen, die daraus eine „ist-doch-alles-egal-und-daher-erlaubt“-Haltung ableitet.

      Das Leiden der Menschen und Tiere und des Planeten ist nicht relativ, sondern absolut. Und die Verringerung des Leids ist keine schöne Idee, sondern praktisches Handeln. Heilung bedeutet daher für mich: Verringerung des Leids.

  2. Ein sehr guter Beitrag, Martin und genau auf den Punkt gebracht. Diese Art der Betrachtung hätte ich mir in den Medien gewünscht. Aber auch hier ging es mal wieder nur um das big Business und Auflage.Hoffe, dass die Menschen jetzt einmal wieder anfangen nachzudenken und sich daran zu erinnern, was wirklich wichtig ist in der Welt.

    Herzliche Grüße vom Rhein an Dich und Deine Lieben,

    Ines

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